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Das digitale Zeitalter, und wie es Human Resources und Unternehmen herausfordern wird

veröffentlicht April 2017

Wenn wir uns die Veränderungen ansehen in denen wir uns zukünftig befinden werden und zum Teil auch schon befinden, wird es deutlich, dass HR und Unternehmen auf verschieden Ebenen komplexen Herausfoderungen ausgesetzt sein werden. Diese werden vielfältig sein, von der „sharing economy“ hin zu IoT (Internet der Dinge), Automatisierung, AI (künstliche Intelligenz) bis hin zur Quantentechnologie (wo wahrscheinlich die Zukunft der Technologie liegen wird) und dem brandaktuellen Thema augmented reality (AR) --dem Anreichern der Realität mit digitalen Informationen--. Dazu kommt, dass sich diese ganzen Themen in den kommenden Jahren kontinuierlich anpassen werden. Wir werden sehen, dass das Bildungssystem und der Arbeitsmarkt nicht in der Lage sein wird, sich in diesem Tempo und auf eine so kontinuierlichen

Änderung hin anzupassen. Das bedeutet, dass HR ein gutes Verständnis haben muss, wen man zum Beispiel umschulen kann, und Regierungen werden wiederum vor der großen Herausforderung stehen, was man mit den Menschen macht, die freigestellt werden, da es für sie keine anderen Einsatzmöglichkeiten mehr in den Unternehmen gibt. Glaubt man den Statistiken, können hier bis 2020 mehr als 5 Millionen Arbeitsplätze gefährdet sein, während nur 2 Millionen neue Arbeitsplätze geschaffen werden. Die Zukunft der Arbeit in einer digitalen Wirtschaft wird sich stark

verändern. Wichtige Positionen und sehr begehrte Rollen werden zum Beispiel Programmierer oder „maschinelle Lernexperten“ und Datenwissenschaftler sein. HR kann hier sicherstellen, dass es eine stärkere und kontinuierlichere Verbindung zwischen Bildung, Ausbildung und Entwicklung der Mitarbeiter/innen gibt, aber auch dass das richtige Recruiting betrieben wird. Darüber hinaus muss HR darauf achten, dass es Mitarbeiter/innen mit grundlegenden digitalen Kompetenzen einstellt, aber auch eine andere Denkweise ihrer Mitarbeiter/innen fördert. Anpassungsfähigkeit, neue Führungsqualitäten sowie hohe Problemlösungskompetenz sind auch sicherzustellen.

Wir befinden uns im Zeitalter der Automatisierung und komplexen Änderungen, wobei die Technologie im Mittelpunkt steht. Es gibt nicht mehr nur das eine Silicon Valley in USA, sondern auch andere Städte haben ihre „Silicon Valleys“ schon aufgebaut oder sind dabei diese aufzubauen wie bereits in London, Berlin und Amsterdam. Das Interessante ist, dass es hier viele Talente mit digitalen Fähigkeiten gibt, diese aber nicht unbedingt bereit sind, bei "traditionellen" Unternehmen zu arbeiten oder aber auch nicht die erforderlichen Fähigkeiten haben, die die Unternehmen benötigen.
Bildung wird eine wichtige Entwicklung sein, die Online / Mobile Lernerfahrung wird auf kontinuierlicher Basis angepasst und aktualisiert werden müssen, um eine interaktive und persönliche Erfahrung zu gewährleisten. Erhellend ist, dass auch hier die bevorzugte "Person" zum Üben einer Sprache zum Beispiel, nicht unbedingt eine wirkliche Person sein soll, sondern eher das AI angefragt wird (Beispiel ein Chatbot für Sprachen). Grossbritanien hat Programmieren als obligatorisch auf den nationalen Lehrplan gesetzt, während in den USA, Udacity University –eine Universität "gebaut von Silicon Valley"- entstanden ist, an der man Nanodegree Programme anbietet.
Ein wichtiger Bereich, den ich heute hervorheben möchte, in dem wir kritische Änderungen sehen werden, betrifft die Arbeitsvorschriften, vor allem in komplexen Ländern.

Ich hatte das Vergnügen, Dr. Frank Walk von Emplawyers zu diesem komplexen Thema zu interviewen.
Dr. Frank Walk ist Fachanwalt für Arbeitsrecht und beschäftigt sich intensiv mit den Auswirkungen der Digitalisierung auf die Arbeitswelt und was sie für Unternehmen in rechtlicher Hinsicht bedeutet. Dr. Walk ist Partner bei Emplawyers, davor war er von 2011 bis 2014 bei Bird & Bird und von 2002 bis 2011 bei Taylor Wessing. Die Anwälte von Emplawyers bieten auch Schulungen für Unternehmen zu aktuellen arbeitsrechtlichen Themen.


Dr. Frank Walk

Welche Themen sehen Sie, die sich gerade am Schnellsten ändern?
Das Problem sehe ich eher darin, dass die arbeitsrechtlichen Regeln mit den tatsächlichen Veränderungen der Arbeitswelt nicht Schritt halten. Zum Beispiel das Thema Arbeitszeit: In Deutschland gilt eine striktes Maximum von 10 Stunden pro Tag und eine vorgeschriebene ununterbrochene Ruhezeit von 11 Stunden. Das bedeutet, wenn ein Arbeitnehmer am Abend vor dem Schlafengehen um 11 Uhr nochmal kurz für 5 Minuten seine geschäftlichen E-Mails checkt, kann er rechtlich gesehen erst um 10:06 Uhr am nächsten Morgan anfangen zu arbeiten. Das stimmt mit der modernen Arbeitsrealität nicht überein.
Ein anderes Beispiel wäre das grenzüberschreitende Arbeiten: früher eher die Ausnahme, heute in vielen Branchen die Regel. Hier kommen zu den reichlich komplexen Fragestellungen des Arbeitsrechts noch das Steuer- und Sozialversicherungsrecht hinzu. Um das zu bewältigen, brauchen Unternehmen ganze Expertenteams und zahlreiche externe Dienstleister, oder man geht erhebliche Risiken ein. Hier sind die geltenden Regularien den praktischen Anforderungen weit hinterher.
Die Beispiele ließen sich fortsetzen. Letztlich hängen sie jedoch fast alle mit der Digitalisierung der Arbeitswelt zusammen, die ein Arbeiten von überall und zu jederzeit ermöglicht. Dieser Realität müssen sich Gesetzgeber, Tarifvertragsparteien und Betriebspartner stellen.


Wo werden wir die meiste Komplexität im Arbeitsrecht in der Zukunft sehen?
Neue Formen der Arbeit und Zusammenarbeit (z.B. Crowd working, On-Demand, mobiles Arbeiten etc.) verdrängen immer mehr das klassische Normalarbeitsverhältnis. Dadurch wird das bisher schon komplexe Thema der Abgrenzung vom abhängig Beschäftigten (= Arbeitnehmer) zum freien Mitarbeiter (= Selbständiger) noch schwerer, da die gängigen Abgrenzungskriterien wie die Weisungsgebundenheit hinsichtlich Ort, Zeit und Art und Weise der Arbeitserbringung oder die Eingliederung in den Betrieb auch bei Arbeitnehmern immer weiter in den Hintergrund treten. Die Abgrenzung ist schon heute kaum noch zuverlässig zu prognostizieren, gleichzeitig aber mit erheblichen finanziellen Auswirkungen verbunden.
Ein weiteres komplexes Thema ist der Datenschutz. Immer mehr Menschen verrichten ihre Arbeit mit Hilfe digitaler Geräte und Anwendungen und erzeugen so eine wachsende Zahl personenbezogener Daten, die erfasst, gespeichert und analysiert werden können. Einerseits lassen sich diese zur Optimierung von Arbeitsabläufen und Prozessen nutzen. Anderseits ermöglichen sie aber auch eine mit dem Persönlichkeitsschutz nicht zu vereinbarende Überwachung der Mitarbeiter. Dieser Interessensgegensatz muss immer wieder neu bewertet werden. Komplex wird es dann, wenn unterschiedliche rechtliche Standards und auch kulturelle Unterschiede aufeinander treffen, wenn also z.B. die US-amerikanische Muttergesellschaft die Mitarbeiterdaten der deutschen Tochtergesellschaft übermittelt bekommen möchte.


Welche Rolle wird der Betriebsrat in Deutschland und sicher auch anderen Ländern im digitalen Zeitalter spielen?
Für Deutschland sehe ich den Betriebsrat besonders in Fragen des Datenschutzes in einer zentralen Rolle. Der schon erwähnte Interessenkonflikt zwischen Unternehmenszwecken bei der Datenverarbeitung und der Mitarbeiterüberwachung ist in deutschen Unternehmen mit dem Betriebsrat zu verhandeln.
Eine Gestaltungsaufgabe für den Betriebsrat in der Digitalisierung sehe ich darin, die Fortbildung und Qualifizierung der Mitarbeiter auf die Agenda des Unternehmens zu bringen. Ein aus meiner Sicht bisher vernachlässigtes Betätigungsfeld des Betriebsrats, obwohl hier entsprechende Mitwirkungsrechte gesetzlich vorgesehen sind.


Was ist sogar Ihnen in ihrem Bereich aufgefallen, bei dem das digitale Zeitalter Änderungen bringen könnte?
Zum einen gibt es bereits eine Reihe von internetbasierten juristischen Geschäftsmodellen, die – zumindest für bestimmte Rechtsbereiche – durchaus einen Mehrwehrt für den Nutzer bieten, so z.B. bei der Geltendmachung von Entschädigungen bei Flugverspätungen oder bei der Abwehr von Bußgeldern bei Verkehrsverstößen. Zum anderen werden für den Privatkundenbereich auf Vermittlungsplattformen angeboten. Die wesentlichen Änderungen sehe ich aber im Bereich der internen Kanzleiorganisation auf mich zukommen, z.B. für das Dokumentenmanagement, die Vertragserstellung und Zusammenarbeit mit Kollegen und auch mit Mandanten. Hier bietet die Digitalisierung noch erhebliches Potential zur Effizienzsteigerung.

Was ersichtlich wird, ist die Komplexität der Themen – und je mehr man sich vorbereitet, desto leichter wird der Übergang sein.